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Rückblicke, Einblicke und Ausblicke
zum 40. Jubiläum der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden
Am 27. und 28. September 2008 feierte die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) mit etwa 200 Gästen ihr 40-jähriges Bestehen in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche. Der Höhepunkt war ein Festgottesdienst mit anschließendem Empfang am Sonntag.
Bereits am Samstagabend hatte die AGDF Freunde und Interessierte zu einem Abend mit Rückblicken, Einblicken und Ausblicken eingeladen. Eröffnet wurde der Abend mit der Begrüßung der zahlreich erschienen Gäste durch den Vorstandsvorsitzenden der AGDF, Pfarrer Horst Scheffler. Durch das Programm, das musikalisch vom Trio Morgenland begleitet wurde, führten Barbara Hege-Galle und Ruben Kurschat.
Zeitzeugen berichten über 40 Jahre AGDF
Im Mittelpunkt stand eine Gesprächsrunde mit dem Titel „40 Jahre aktiv für den Frieden – Zeitzeugen berichten“, die der ehemalige Studienleiter der evangelischen Akademie Loccum, Jörg Calließ, moderierte. Gesprächspartner/innen waren die ehemalige Vorstandsvorsitzende der AGDF und Vorsitzende der Evangelischen Frauenarbeit Deutschlands, Hildegard Zumach, die frühere Leiterin der Europa-Abteilung im Kirchenamt der EKD, Antje Heider-Rottwilm, der ehemalige Minister- und Kirchentagspräsident, Reinhard Höppner, und der ehemalige Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Volkmar Deile.
Nach einer kurzen persönlichen Einführung berichteten die Gesprächsteilnehmer/innen über verschiedene für sie persönlich und für ihre Arbeit besonders wichtige Themen. Prägend waren insbesondere die Folgen des 2. Weltkrieges und der Ost-West-Konflikt mit seinen Auswirkungen. In den 80er Jahren spielte die Frage der Stationierung von Atomwaffen in beiden Teilen Deutschlands eine wesentliche Rolle für das Engagement für Frieden und Gewaltfreiheit. So wurden gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik neben gewaltfreien Großdemonstrationen Aktivitäten zivilen Ungehorsams als Protestform entwickelt und eingesetzt.
Reinhard Höppner, von 1980 bis 1994 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Sachsen, berichtete sehr anschaulich über die Friedensarbeit und die Entstehung der jährlichen Friedensdekade in der ehemaligen DDR. Das Zeichen „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde zum Symbol der Friedensbewegung und viele junge Christen trugen diesen Aufnäher zum Ausdruck ihrer Ablehnung einer zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft in der DDR. Der Staat fürchtete eine unabhängige Friedensbewegung, die aufgrund staatlicher Repressionen nur unter dem Dach der Kirche arbeiten konnte. Das Tragen pazifistischer Symbole wurde verboten und so sahen sich Menschen mit dem „Schwerter zu Pflugscharen“ Aufnäher immer häufiger staatlichem Druck ausgesetzt.
Zum Abschluss der Gesprächsrunde wurden drängende Themen benannt, die zukünftig in der Friedensarbeit von besonderer Bedeutung sein werden. Volkmar Deile wies hier auf die Verteilung natürlicher Ressourcen hin und hält in dieser Hinsicht eine institutionelle Rechtsordnung zur Lösung von Ressourcenkonflikten für eine neue und notwendige Aufgabe der Vereinten Nationen. Antje Heider-Rottwilm, sieht neben Konflikten um natürliche Ressourcen – was sie bereits seit den 70er Jahren beschäftigt – einen weiteren sehr wesentlichen Arbeitsbereich in der Bedeutung von Frieden im Alltag. Frieden versteht sie dabei als das Heilsein des Menschen, der menschlichen Gemeinschaft und der ganzen Schöpfung.
Reinhard Höppner verwies auf verschiedene Arbeitsfelder, die zukünftig von Bedeutung sein werden. So stellen die vielfältigen Differenzen und Interessen im geeinten Europa ein nicht unwesentliches Konfliktpotenzial dar. Zum anderen besteht aber auch großer und nachhaltiger Handlungsbedarf im interkulturellen und interreligiösen Dialog, da vor dem Hintergrund der so genannten „neuen Kriege“ Kultur und Religion entscheidende Themen geworden sind. Der „innere Frieden“ ist für Höppner mit Blick auf junge Männer – vor allem in den neuen Bundesländern – und dem Zulauf von rechtsgerichteten Parteien wie der NPD ein großes Arbeitsfeld im Inland. Für Hildegard Zumach liegt eine der großen Aufgaben der Zukunft – auch für die AGDF – in der Professionalisierung von Friedensorganisationen in Deutschland. Diese sollten und könnten sich langfristig nicht auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder verlassen, da dieser freiwillige Einsatz im Allgemeinen und auf längere Sicht eher zurückgehen wird.
Workshops, Ausstellungen und Filme der Mitgliedsorganisationen der AGDF
Im Anschluss an die Gesprächsrunde haben einige Mitgliedsorganisationen der AGDF mit Workshops, Ausstellungen und Filmen zu einzelnen Themen ihrer Arbeit in einer Galerie der Vielfalt zur Gestaltung des Abends beigetragen. Die einzelnen Angebote spiegelten die Vielfalt des unter dem Dach der AGDF zusammengefassten Engagements für den Frieden.
Ein Jugendlicher aus Uganda berichtete den Anwesenden über seine Erfahrungen als Freiwilliger in Deutschland. Neben dem Gespräch dokumentierten in diesem Workshop unter dem Titel Lernen und Helfen im Friedensdienst Fotos die Arbeit von ICJA Freiwilligenaustausch weltweit.
Die Pressehütte Mutlangen beschäftigte sich in einem Workshop mit dem Thema Atomwaffen – Widerstand gestern und heute und zeigte dabei die weltweite Bedrohung durch Atomwaffen und die internationale Verflechtung der Atomindustrie auf.
Uli Sonn vom Internationalen Versöhnungsbund in Berlin gab einigen Teilnehmer/innen unter dem Titel Israelisch-Palästinensisches Seminar: Gewaltfreie Kommunikation einen kurzen Einblick in das Modell der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg.
Ein Ausschnitt aus dem Film Brigade des Friedens von Peace Brigades International (PBI) zeigte Freiwillige, die in Kolumbien für den Schutz der Menschenrechte aktiv sind. Neben dem Filmausschnitt dokumentierten die Ausstellung 25 Jahre Erfahrungen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung und ein Bericht von Sarah Fritsch, die über ihre Erfahrungen als Freiwillige erzählte, die Arbeit von PBI.
Ulrich Frey, langjähriger Geschäftsführer der AGDF, setzte sich mit einigen Interessierten mit der Historie der AGDF auseinander, die Gruppe vertiefte sich in Rückblicke auf die vergangenen 40 Jahre.
Die Kurve Wustrow lud beim Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal zum Mitmachen ein. Diese Methode wird in der Friedensarbeit häufig eingesetzt und trägt zur gewaltfreien Bearbeitung von Konflikten bei.
Vertreter/innen von Eirene widmeten sich dem Thema Interreligiöse/transreligiöse Friedensarbeit – Annäherung an das Thema Islam und Gewaltfreiheit, das im Rahmen der christlich-islamischen Friedensarbeit einer der Arbeitsschwerpunkte der AGDF ist.
Valborg Edert, Friedensfachkraft für den Weltfriedensdienst in der Casamance im Senegal, führte durch die Ausstellung Verwobene Schicksale, die Frauen in der Casamance und ihr Engagement für den Frieden zeigt. Valborg Edert hat diese Ausstellung konzipiert.
Interreligiöse und interkulturelle Friedensarbeit ist auch ein wichtiges Thema für den Oekumenischen Dienst Schalomdiakonat, der zur Gestaltung des Abends mit dem Film Unterwegs mit dem Oekumenischen Dienst Schalomdiakonat beitrug.
Church & Peace bot einen offenen Workshop zur ihrer Arbeit und zur Friedensarbeit an, der sich an den Interessen der Teilnehmer/innen orientierte.
Festgottesdienst und Empfang
Am Sonntag hat die AGDF Freunde, die interessierte Öffentlichkeit und die Heilig-Kreuz-Passions-Kirchengemeinde in Berlin zu einem Festgottesdienst eingeladen. Die Gemeindepfarrerin Dagmar Apel leitete den Gottesdienst, in dem Landessuperintendent i.R. Gerrit Noltensmeier, Mitglied des Rates der EKD, die Predigt hielt.
Pfarrer Horst Scheffler, Vorstandsvorsitzender der AGDF, hieß alle Anwesenden herzlich willkommen und führte durch den im Anschluss an den Festgottesdienst stattfindenden Empfang. Während des Empfangs wurden einige der Grußworte, die die AGDF erhalten hatte, gesprochen und Pastor Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, stellte das von der AGDF herausgegebene Buch „Gewaltfrei streiten für einen gerechten Frieden“ vor.
„Gewaltfrei streiten für einen gerechten Frieden“
Eröffnet wurde der Empfang mit der Präsentation des Buches „Gewaltfrei streiten für einen gerechten Frieden“ durch den neuen Friedensbeauftragten des Rates der EKD, Renke Brahms. Als einer der ersten Leser des Buches zeigte sich Brahms beeindruckt und beschrieb es als Ergebnissicherung der Friedensarbeit der vergangenen 40 Jahre. „Das Buch ist ein Lern- und Lehrbuch.“ betonte Brahms, da es unterschiedliche Wege beschreibt, wie Menschen gelernt haben gewaltfrei mit Konflikten umzugehen. Durch die allgemeine Betrachtung dieser Erfahrungen und die entsprechenden Schlussfolgerungen daraus wird es auch zu einem Lehrbuch.
Mit dem Buch soll die Friedensarbeit auf Gemeindeebene gestärkt und eine Argumentationshilfe für die gewaltfreie Konfliktbearbeitung gegeben werden. Gleichzeitig soll das Buch aber auch auf politischer Ebene Einfluss nehmen. Abschließend sagte der Friedensbeauftragte, dass das Buch auch eine Verpflichtung formuliert, „… vielleicht nach dem Buch noch stärker als vorher!“
Friedensarbeit ist urdiakonische Arbeit
Klaus-Dieter K. Kottnik, Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, bedankte sich für den Einsatz und die Arbeit der AGDF, die auch dem Diakonischen Werk angehört. „Diakonie ist Friedensdienst, und Friedensdienst ist Diakonie!“ so fasste Kottnik die Verbindung von Diakonischen Werk und AGDF zusammen. Er betonte, dass Friedlosigkeit und Gewalt – sei es im Inland in Schulen, in Familien, gegenüber Frauen oder in den Krisengebieten in der Welt – zum diakonischen Arbeitsalltag gehört und Diakonie in seinen Augen daher auch Friedensarbeit ist.
„Alles Gute dem Frieden!“
Der Bundesvorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (EAK), Walther Herrenbrück, überbrachte in Anspielung auf die Abkürzung AGDF seine Glückwünsche mit den Worten: „Alles Gute dem Frieden!“ Er würdigte die Arbeit der AGDF und ihrer Mitgliedsorganisationen in den vergangenen 40 Jahren und betonte: „Die Kameras schwenken von Krise zu Krise. Sie, liebe Friedensfreundinnen und -freunde tun, was sie tun, oft unbemerkt und allein um des lieben Friedens willen“.
Im kommenden Jahr werden EAK und AGDF eine gemeinsame Geschäftsstelle haben. Der EAK-Vorsitzende veranschaulichte diese Hausgemeinschaft: „Wir – die EAK – betonen das NEIN zu Gewalt und Krieg. … Sie von der AGDF sagen JA zum Friedensdienst, praktizieren dieses JA durch Friedensinitiativen, Friedenswochen, Friedensdienste – und wissen, dass kein Frieden ohne das NEIN zu Gewalt und Krieg sein kann. So ergänzen wir uns.“
2008 - ein Jahr der Jubiläen
Nicht nur die AGDF feiert ihr Jubiläum, auch die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) blickt 2008 auf 50 Jahre Friedens- und Versöhnungsarbeit zurück. Der stellvertretende Geschäftsführer, Jens Pohl, überbrachte mit einem Grußwort die Glückwünsche der ASF und erinnerte an die freundschaftliche und fruchtbare Zusammenarbeit mit der AGDF. Beide Friedensdienste hatten gemeinsam das „Festival der Friedensdienste“ in den 70er Jahren und die Großdemonstration in Bonn am 10.10.1981 organisiert. Pohl betonte: „In all den Jahren war die AGDF stets ein zuverlässiger Partner, Ratgeber und Unterstützer in der gemeinsamen Sache. Es war gut Euch in Bonn zu wissen.“
„Wir rechnen mit Ihnen – und Sie können sich unserer Unterstützung sicher sein“
Mechthild Gunkel, die Beauftragte für Friedensarbeit im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, übermittelte das Grußwort des Kirchenpräsidenten, Pfarrer Peter Steinacker. Darin hob Steinacker die 40 Jahre Friedensengagement der AGDF hervor und bestärkte seine Hoffnung, „dass sich die AGDF ebenso wie ihre Mitgliedsorganisationen weiterhin deutlich vernehmbar in die kirchliche und politische Diskussion einbringen und Alternativen zu militärischen Konfliktlösungen aufzeigen“ werde.
Er betonte die Wichtigkeit der Friedensarbeit und wünschte der AGDF, dass sie ihre Aufgaben auch unter den zukünftig veränderten Bedingungen und in den neuen Strukturen innerhalb der EKD wahrnehmen und „zu den jeweils aktuellen friedenspolitischen Herausforderungen Stellung“ nehmen wird.
„Der Frieden braucht Sie!“
In einem abschließenden Grußwort würdigte der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, die Arbeit der AGDF mit einem historischen Rückblick auf das Thema Frieden im vergangenen Jahrhundert. Mit einem Zitat von Gustav Heinemann unterstrich Huber, dass Frieden der Ernstfall ist und hob dabei den Vorrang für Gewaltfreiheit hervor. Huber betonte: „Es ist gut für die EKD, dass sie in der AGDF ein Gegenüber hat, das mit ihr ein gemeinsames Ziel teilt, im Hinblick auf die Frage des Weges zu diesem Ziel aber eigenständige Vorstellungen entwickelt“ und trug damit zur Diskussion über die Positionierung der AGDF als Nichtregierungsorganisation bei.
Mit Blick auf die zukünftige Zusammenarbeit zwischen AGDF und EAK wies der Ratsvorsitzende auf die mit der Beauftragung von Renke Brahms und der 2009 stattfindenden Friedenskonferenz neu entstehenden Strukturen in der Friedensarbeit innerhalb der evangelischen Kirche hin. Zum Abschluss seines Grußwortes sagte Bischof Huber: „Der Frieden braucht uns. Ja, der Friede braucht Sie. Aber auch unsere Gesellschaft braucht Sie, als Motor und Movens der organisierten Friedensbewegung. Und nicht zuletzt braucht unsere Kirche Sie. Wir brauchen Sie als hilfreiche Partner auf dem langen Weg zum gerechten Frieden.“
Oktober 2008
Peter Oehmen





